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Länder / Gegend |
Marokko |
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Abenteuer Marokko, Mai 1999 Am Abend fuhren wir (Werner und Heidrun) von Dresden nach Leipzig, um dort gegen 1 Uhr morgens den Flughafen zu erreichen. Unser Flug sollte gegen 4 Uhr losgehen nach Agadir in Marokko. Aber schon bald ging ständig das Licht im Terminal aus und an... ein Blitzeinschlag hatte den Flughafen lahmgelegt und nur die Notstrombeleuchtung lief. Offenbar arbeitete man fieberhaft an der Beseitigung der Störung, aber es war wohl ein größerer Schaden und so mußten gegen Morgen, wir hatten uns die langweilige Nacht irgendwie um die Ohren geschlagen, die ankommenden Flugzeuge nach Erfurt und Berlin umgeleitet werden. Auch unser Flug verschob sich nun auf den Zeitpunkt des Sonnenaufgangs, um bei Tageslicht zu fliegen. Dabei hatten wir Glück im Unglück, daß die Air-Berlin ein Flugzeug in Leipzig geparkt hatte, normalerweise wird mit den „ankommenden“ Flugzeugen zurückgeflogen. Am Abfertigungschalter wurde mir meine Gaskartusche für den Kocher abgenommen. Überhaupt fielen wir so ziemlich aus dem Rahmen, mit Rucksack und Bergstiefeln! Alle anderen trugen typische Badeurlaubskleidung. So wurden wir von der Abfertigung belächelt. „Die wissen wohl gar nicht, daß es in Marokko über 4000 Meter hohe Berge gibt!“ dachte ich mir. So ging es nach Stunden Verspätung endlich los. Zum Glück nur vier Stunden Flug! Bald sahen wir die Pyrenäen im Mai noch tief verschneit unter uns liegen und ich dachte sehnsuchtsvoll an unsere Tour durch dieses große und schöne Gebirge vor einigen Jahren. Aber damals war es Sommer gewesen. Jetzt lag alles majestätisch weiß unter uns. Bald sahen wir die Straße von Gibraltar und das marokkanische Küstenland. Da unten eine größere Stadt an der Küste mußte wohl Casablanca oder Rabat sein. Aber alles herum sah steinig, bergig und wüstig aus. Mir wurde mulmig zumute. Wie sollten wir uns drei Wochen durch dieses unwirtliche steinige Wüstenland schlagen, ausserhalb der Städte? Auf dem Landeanflug nach Agadir sahen wir nun ein paar Bäume, Olivenhaine und Palmen, ähnlich karg wie in Süditalien oder Griechenland, aber immerhin doch grün. Die Abfertigung dauerte eine Weile und nun standen wir auf einmal allein am Flughafen Agadir. Alle Reisegruppen waren abgeholt. Die Taxis vor dem Flughafen ignorierten wir, wir hatten ja keine Ahnung was es kostet und feilschen mußte man ja hier auch noch. Dann lieber einen Bus zur Stadt suchen. Irgendsoetwas mußte es doch geben! Zwei einsame Reisende mit Rucksack wie wir, sprachen uns ebenfalls nach einem Bus an. Werner mit seinen Französichkenntnissen mußte als „Dolmetscher“ fungieren und konnte so einen Bus ausfindig machen. Eine alte Klappermähre, aber immerhin! Die beiden, Jutta und Manne, waren auch gerade mit Air-Berlin aus der Hauptstadt in der Küche reisend angekommen. „Wie das? In der Küche?“, wunderten wir uns. Jutta arbeitet bei Air-Berlin und kann so als Angestellte mit Partner unentgeltlich in der Küche, dem Cockpit oder einer Ecke reisen, wo eben halt Platz ist. Auch sie haben vor, drei Wochen durchs Land zu reisen mit Zelt und Enthusiasmus. Beide können kein Wort französisch! In Marokko, als ehemalige französische Kolonie, wäre das aber schon sehr hilfreich. Mit Englisch kann man hier wenig anfangen. Das tat ihrer Laune jedoch keinen Abbruch. Als der Bus nach einiger Zeit Fahrt am Busbahnhof eintraf, fanden wir uns mitten im marokkanischen Straßengewimmel wieder. „Wir sehen uns am Zeltplatz“, riefen uns Jutta und Manne noch zu und waren schon im Souk verschwunden. Offenbar mußten sie jetzt den Kulturschock bekämpfen! Erstmal das Zelt aufstellen, die schweren Rucksäcke bei der Hitze loswerden und dann genießen, was der Orient hergibt, war unsere Devise! Also machten wir uns auf den Weg! Irgendwo am Meer mußte der Zeltplatz liegen. Aber die Karte schien so ungenau... Nachdem wir uns einen Hügel hinaufgekämpft hatten und immer noch kein Atlantik zu sehen war, waren wir am Ende. Werner mußte nun wieder dolmetschen und irgendwie bekamen wir so heraus, daß dies noch gar nicht Agadir war. Oh Schreck! Zurück zum Busbahnhof. Der Schweiß lief uns bei der Hitze in Strömen! Dann endlich ein Bus bis Agadir. Allein die Fahrkarten zu erstehen war schon ein Schauspiel. Für jede Buslinie gibt es einen extra Schalter, der zudem erst kurz vor Abfahrt öffnete und die Fahrkarten verkaufte. Eine Menge Leute drängelten sich um den Schalter, wild gestikulierend. Man hatte das Gefühl, gar nicht zum Zuge zu kommen und eine Mitfahrgelegenheit zu erhaschen. Aber das waren nur die Anfangsschwierigkeiten, später kamen wir damit besser zurecht, mit den ungewohnten Regeln. Arme Jutta und Manne! Ob sie das mitbekommen haben? Mal sehen ob wir sie am Abend am Zeltplatz sehen! In Agadir angekommen, liefen wir gleich ins erste Straßenkaffee und tranken uns voll. Hier konnten wir das ungewohnt bunte Treiben am Busbahnhof beobachten und die vielen Menschen, das Feilschen und überhaupt das große Menschengewirr. Bunter Orient! Irgendwann machten wir uns dann auf den Weg zum Zeltplatz. Die Entfernungen waren größer als auf der kleinen Karte. Agadir ist groß, ca. 500.000 Einwohner und so legten wir einen ganz schönen Fußmarsch vor, durch Wohnviertel, durch enge Gassen über breite Boulevards, vorbei an Parkanlagen, großen Moscheen, Stadien und Bank- sowie Geschäftszentren. Die Hitze machte sehr zu schaffen. Als wir den Atlantik und die Strandhotels erreichten, hatten wir es bald geschafft und es war spät geworden. Ich mag diese Hotelanlagen und Touristenhochburgen nicht, die doch so wenig mit dem Land, der Kultur und den Menschen vor Ort zu tun haben. Irgendwie leben die Badetouristen hier in einer eigenen abgeschlossenen Welt, die nichts mit dem zu tun hat, was wir Stunden vorher alles in der Stadt gesehen hatten. Agadir, vom Erdbeben 1960 völlig zerstört, ist heute eine moderne, quirrlige und vielgesichtige Stadt, geprägt vom Bade-Tourismus der Europäer, mancherorts sehr einheimisch, selbstbewußt, modern und doch irgendwie orientalisch. Nur bietet sie nichts wirklich an Sehenswürdigkeiten. Der Zeltplatz war ein großer ummauerter Platz mit Duschen und Toiletten unweit des Meeres, nur zu dieser Zeit ziemlich verlassen und sehr steinig. Was hatten wir denn auch erwartet? Grünen Rasen etwa? So plagten wir uns mit dem Einhämmern der Heringe herum und ein paar liebe Kätzchen leisteten uns Gesellschaft. Die wurden hier überall gehalten um Skorpione und andere lästige Plagegeister fernzuhalten. Das Kaffee am Zeltplatz hatte geschlossen, also machten wir uns bald auf den Weg zur Strandpromenade, um unseren ersten Marokkotag zu genießen. Würden Jutta und Manne noch auftauchen? Bisher war von Ihnen keine Spur zu sehen, hatte ich doch den ganzen Zeltplatz abgegrast. Das Leben an der Strandpromenade begann erst am Abend mit Einsetzen der Dunkelheit. Wie aus allen Löchern quellend, flanierten Einheimische und Touristen entlang der endlosen Reihe an Restaurants und Kaffees. Familien mit Kinderwagen, Mädchentrauben und Jungentrauben einander keckend, belebten die Promenade. Wir saßen bald in einem der Strandrestaurants bei schöner live Klaviermusik und denierten fürstlich für relativ wenig Geld. Überhaupt ist alles sehr preisgünstig für Europäer. Da ist Agadir als Touristenzentrum dennoch sehr teuer gegenüber den Preisen im Land. Aber das wußten wir zu der Zeit noch nicht. Uns schien es trotzdem sehr preiswert. Wir wurden wie die Könige bedient und verlebten einen schönen ersten Abend. Anschließend begaben wir uns zur Nacht in unser steiniges Zelt! Am anderen Morgen sahen wir nichts von Jutta und Manne. Irgendwie waren sie untergegangen und nicht am Zeltplatz aufgetaucht. Wer weiß, wo sie jetzt waren.. Wir machten uns zuerst auf zum Strand, um ein kurzes Bad im Atlantik zu nehmen und dann in die Stadt. Zum Busbahnhof zuerst. Nach meinen Plänen wollte ich ersteinmal in den Antiatlas fahren. Berge bis 2000 Meter Höhe müßten doch zum Wandern einladen, bevor wir uns an die 4000er des Hohen Atlas machten. Außerdem sollte die Landschaft auch recht schön sein. Gesagt getan, hatten wir doch Mühe den Busbahnhof zu finden. Wieder gelangten wir durch alle Facetten der Stadt, vom Villenviertel bis zum verwinkeltsten Zipfel des Ortes. Belebend bei dieser Hitze war nur der marokkanische Minztee, Whisky der Berber genannt, den wir während unzähliger Rasten in der Stadt genossen und der tatsächlich sehr belebend wirkte. Am Busbahnhof bot sich uns ein fast unübersichtliches Gewirr an winzigen Büros allerlei Busunternehmen mit zahlreichen Abfahrten, unterschiedlichsten Preisen und meist einem überdimensionalem Haufen an Paketen, Gepäckstücken und Menschenmassen. Als seien ganze Händlernationen unterwegs. Wie da jetzt auch noch feilschen? „Fahren wir doch lieber heute aus der Stadt, ich will jetzt das Land sehen! Wie wärs mit dem Bus um 22.30 Uhr?“. Werner schien es auch recht, also buchten wir in einem der unzähligen kleinen Büros ein Ticket nach Tafraoute für 22.30 Uhr. Zurück gings mit dem Taxi zum Zeltplatz, alles abgebrochen und mit dem Taxi am Abend zurück zum Busbahnhof. Wir hatten schon gelernt zu feilschen und auf die Preise zu achten. Natürlich waren wir viel zu zeitig da! „Aber man weiß ja nie!“ dachten wir völlig grundlos. Die orientalische Gelassenheit läßt genügend Raum und Zeit, so daß unser europäisches Zeitgefühl völlig fehl am Platz war. Die Zeit des Wartens wurde uns nun doch lang. Also gingen wir in ein Kaffee nahe der großen Moschee. Tee wie immer, nur war ich die einzige Frau unter Männern. Tee- oder Kaffetrinken in einem öffentlichen Kaffee ist Männern vorbehalten. Natürlich wurde ich beäugt, aber nach einer Weile fanden sich auch einheimische Pärchen ein und dann auch Freundinnen. Es muß nur einer den Anfang machen! Dann gings auf die Abfahrtszeit zu. Wir standen mit unseren Rucksäcken ständig im Weg herum und wurden von einer Ecke zur anderen geschoben von allerlei bepackten Leuten, mit Entschuldigungen natürlich, aber irgendwann waren wir ein Teil des Geschehens. Wohin es denn ginge, woher wir kämen und was es sonst noch alles Wichtiges auf der Welt gäbe, wollten unsere Mitreisenden wissen. Da erzählen sich alle möglichen Leute, wohin sie reisen und was sie so erleben. Das geschieht auf so ganz natürliche Weise. Berührungsängste gibt es nicht. Es ist, als würde man zu einer weitreichenden Verwandtschaft gehören, die gerade im Begriff ist, einen Umzug zu organisieren. So lief das Treiben vor der Abreise ab. Irgendwann saßen wir in unserem Bus auf unseren Plätzen, das Gepäck war verstaut und eigentlich konnte es losgehen. Aber da mußten die Einheimischen noch ein „Heimspiel“ geben. Ein Schauspiel, das wir später hunderte Male sahen und das dann irgendwie einfach dazugehörte. Jetzt aber war es noch neu für uns. Unser Bus war keine Klappermähre, sondern eigentlich ein ansehnlicher Reisebus mit Klimaanlage. Pünktlich fuhr er ab, aber nur ein paar Meter, um dann wieder anzuhalten. Rufe, Palaver, Diskussion, ein paar Schritte ging es weiter, um dann erneut anzuhalten. Immer wieder wiederholte sich dieses Spiel. Ein paar junge Männer fuhren auf dem Trittbrett mit, um dann in der langsamen Fahrt gekonnt wieder abzuspringen. So wurden wir schrittweise bis zur nächsten großen Kreuzung begleitet, um dann festlich unter Rufen entlassen zu werden. Zu Hause sitzen wir vor dem Fernseher und lassen uns unterhalten. Hier unterhalten sich die Menschen auf vielfältige Weise im Alltag selber! Nun ging es wirklich rasant los. Eine halbe Stunde hatten wir so verbracht, um bis zur nächsten Kreuzung zu gelangen, aber nun gab es kein Halten mehr. Längst lag die Stadt hinter uns. Von der Landschaft war in der Dunkelheit nichts zu sehen. Gegen 0.30 Uhr fuhr unser Bus in einer Stadt auf einen großen Platz, gesäumt von einstöckigen Häusern mit Palissaden. Der Souk der Stadt. Selbst um diese Zeit standen noch Männer im Gespräch an ihren Gemüseständen und die Garküchen hatten noch offen. Wir strömten hinaus zu den Garküchen und kauften uns vorsichtig etwas zu Essen. Mehr aus Vorsicht mit der fremden Währung klar zu kommen, als aus anderen Gründen. Die marokkanische Küche ist sehr schmackhaft und wir hatten nie Probleme mit der Verdauung. Bald sollte ich das Nationalgericht Tajine kennenlernen, eine Art Gemüseeintopf, der oft stundenlang köchelt, aber nie zerkocht ist und der mich begeisterte. Tajine gibt es in allen möglichen Variationen und ich konnte mich nie daran sattessen. Die nächtliche Pause endete damit, daß der Busfahrer die Fahrgäste mit lautem Hupen auf die Weiterfahrt aufmerksam machte. Geduldig wurde auch auf den letzten Bummellanten gewartet und dann ging es weiter. Bald sah ich die Berge schwarz vom Horizont abhebend näher kommen. Der Stuard im Bus verteilte Plastiktüten und ich dachte noch, wie praktisch dieser Service doch ist, den Abfall des Abendbrotes so einzusammeln! Wenig später sauste unser Bus von einer Links- in die Rechtskurve und am Fenster sausten Felsen vorbei, wie ich sie in dieser Dimension noch nicht gesehen hatte. Die ersten einheimischen Fahrgäste griffen zu den Plastiktüten... So empfindliche Naturen dachte ich!! Ich ging nach vorn und sah mir die Straße an. Die war gerade mal so breit wie unser Bus. Mal sausten Felsen gespentisch nahe links, mal rechts vorbei, auf der jeweils anderen Seite gähnender Abgrund... Jetzt wußte ich auch, warum die Strecke nur nachts befahren wurde und die Plastiktüten so wichtig waren! Kleinlaut schlich ich zu meinem Sitz zurück und drückte mich in die Kissen. „Wenn der jetzt in den Abgrund stürzt, kannst Du auch nichts machen“, war mein Trost. So ging es die ganze Nacht hindurch. An Schlaf war nicht zu denken, auch wenn uns nicht gerade schlecht wurde. Gegen 4.00 Uhr morgens ritten wir am Busbahnhof in Tafraoute ein. Der Bus war im Nu leergefegt... Wir waren da schon ein bißchen behäbiger. Gerädert und wahrscheinlich mit so kleinen müden Augen, hatte der Busfahrer ein Erbarmen mit uns und bot uns an, noch ein paar Stunden im Bus zu schlafen. Der Muhezzin rief gerade aus einem blechernen Mikrofon vom Minarett zum Morgengebet und störte unseren Bedarf nach Schlaf. Um 4.00 Uhr früh, na schönen Dank! Jetzt stand uns nicht der Sinn nach Entdeckungen der anderen Kultur! Dankbar nahmen wir das Angebot des Busfahrers an. Er schloß den Bus ab, wir streckten uns genüßlich in die Kissen und schlummerten von dannen. Gegen 8.00 Uhr tauchte unser Busfahrer wieder auf. Wir waren zwar noch nicht ausgeschlafen, verließen aber aus Höflichkeit und Dankbarkeit den Bus. Bestimmt muß er wieder arbeiten und hat heute noch eine Tour zu machen, im Gegensatz zu uns! „Jetzt ersteinmal einen kräftigen würzigen arabischen Kaffee trinken“ war Werners Begierde und ich hatte auch noch den Schlaf aus den Knochen zu vertreiben. Also wanderten wir mit unseren Rucksäcken die Hauptstraße entlang. Viel war noch nicht los um diese Zeit. Ein Bäcker eröffnete gerade sein Geschäft und stellte seine Stühle samt Sonnenschirme auf die Straße. Den überfielen wir jetzt und nisteten uns für die nächsten 2 Stunden ein. So leicht waren wir nun nicht mehr loszubekommen! Wir genossen es, Kaffe, Gebäck und die Stadt erwachen zu sehen. Ein Geschäft nach dem anderen eröffnete und langsam nahm das Leben Gestalt an. Irgendwann dann hatten wir genug vom Schauen! Die Rucksäcke erstmal loswerden, ein Quartier suchen, dann sehen wir weiter. Also machten wir uns wieder auf den Weg. Es gab ein paar kleine Hotels am Ort, aber am besten gefiel uns ein kleines Hotel mitten in der Innenstadt, mitten im Gewühl. Es war preiswert und hatte irgendwie sein eigenes Flair. Es lag so zentral, daß hier Einheimische ein- und ausgingen. Gerade das Richtige, dachten wir! Unser Zimmer war einfach und sauber. Die Toiletten und Duschen waren zwar gemeintschaftlich, ähnlich einer Jugendherberge, aber die Bewohner wußten es sich einzurichten, damit sich keiner ins Gehege kam. Ich lernte die bescheidene Rücksicht der Bewohner zu schätzen. Wir holten erstmal Schlaf nach. Später saßen wir im kleinen Restaurant, das von Einheimischen bevölkert war und wo ununterbrochen der Fernseher lief. Wie in einem Kino! Nur Männer saßen hier, aber als Ausländerin konnte ich mich ja nicht zu Hause aufhalten, also akzeptierte man mich. Dem Wirt schien es sogar zu gefallen. Werner und er lächelten geheimnisvoll! Werner schickte mich dann immer zur Theke Bestellungen abzugeben, obwohl ich mir die französischen Brocken jedesmal einhämmern mußte (ich kann nur Russisch und Englisch, Werner Englisch und Französisch). Ja, ja die Männer! Da schienen sie sich einig zu sein und belächelten mich und hatten so ihr eigenes Schauspiel. Aber es war doch liebenswert gemeint. Am späten Nachmittag durchstreiften wir den Ort. Das Volk der Ameln lebt hier in diesem Tal, ein Berberstamm, der sehr reich sein soll und berühmt ist für seine Gold- und Silberschmiedearbeiten. Tatsächlich war im Souk und den Geschäften fast alles von diesen schönen Arbeiten geprägt und es gab eine Unmenge dieser Läden. Aber wer kauft das alles? Touristen waren fast überhaupt keine zu sehen. Nur am Wochenende bevölkern Touristen den Kamelmarkt. Aber jetzt in der Woche war alles ruhig. Die Geheimnisse des jeweiligen Handwerks bleiben in Familientradition erhalten und unterscheiden sich von Gegend zu Gegend. Jeder Marokkaner weiß, daß er Schmuck oder ein Hochzeitsgeschenk an die Braut von dieser Gegend kauft, weil sie besonders sorgfältig und einfallsreich gearbeitet sind. Bis nach Amerika und in alle Welt reicht die Berühmtheit der Schmuckhersteller aus dieser Gegend. Kaum eine Familie, die nicht ein Mitglied irgendwo im Ausland hat. Wunderschön waren die Arbeiten schon, aber trotzdem auch für uns zu teuer. Wir wanderten auf einen Hügel nahe der Stadt und saßen dann auf der Terasse eines Hotels. Gern wäre ich in den kühlen Pool gesprungen, aber wir hatten keine Badesachen mit. Von hier oben konnte man das gesamte Tal überblicken und die nahen 2000 Meter hohen Felsen sehen. Ein wunderbarer Rundblick. Kahl waren die Felsen und es war so heiß, daß ich jeden Gedanken an eine Bergwanderung aufgab. Zwischen den Felsen im Tal zogen sich Palmenhaine entlang. Am Abend saßen wir unter einem gigantischen Sternenhimmel in einem weitläufigem Restaurant. Irgendwann gesellte sich Shilali zu uns und versprach uns, einen Ausflug in die Umgebung zu organisieren. Sein Freund sei Taxifahrer. Am nächsten Morgen war zwar Shilali zur Stelle, nicht aber sein Freund der Taxifahrer. Also versuchten wir zu trampen. Irgendwie trieben wir dann ein Fahrzeug auf und nach dem üblichen Handeln stand der Preis fest. Los gings. In einem Dorf in den Bergen machten wir halt, liefen durch Felder und Olivenhaine zum Dorfkern. Ringsherum Wüste. Ein karges Leben dachte ich. Im Dorf traf Shilali einen Bekannten und man fragte uns, ob wir einen Tee trinken möchten? Wir nahmen an. Das Haus lag am Hang. Es galt die Schuhe auszuziehen, wenn man ein Haus betritt. Dann saßen wir in der „guten Stube“, Tee wurde gereicht und der Hausherr brachte leckere Kekse. Die Hausfrau sahen wir nicht. Ich konnte sie in den oberen Räumen mit den Kindern sprechen hören. Man muß akzeptieren, daß sie sich Fremden nicht zeigen, wenn sie das nicht wollen. So saßen wir eine ganze Weile und unterhielten uns. Ich, allein mitten zwischen den Männern, aber es schien ihnen nichts auszumachen. Wir waren ja Gäste. Die Gespräche gingen hin und her und ich war voll einbezogen. Vom Fenster aus hatte man einen herrlichen Ausblick auf das Tal, die Berge und die Landschaft. Nach langer Zeit verabschiededen wir uns und wanderten zur Quelle des Dorfes. Ein großes Becken fing das Wasser der Quelle auf. Wir ließen die Füße im kühlen Naß baumeln, als ein altes Mütterchen kam, eine Schleuse betätigte und dann, geheimnisvoll lächelnd, solidarisch ihre Füße ebenfalls ins Wasser tauchte. Angenehm kühl war es hier unter den Bäumen und dem erfrischendem Quellwasser. Die Quelle versorgte das Dorf und die angrenzenden Felder und Olivenhaine über ein Schleusensystem. Erstaunlich, wie ergiebig die Quelle aus dem Fels war, in dieser trockenen Wüstenlandschaft. Was solche mächtigen Berge doch an Wasser speichern können und wohldosiert wieder abgeben, so daß es das ganze Jahr Wasser aus der Quelle gibt, ist schon erstaunlich. Ein wirkliches Naturwunder! Nach einer Weile brachen wir dann auf. Shilali versuchte für uns eine Mitfahrgelegenheit zu erhaschen. Weit kamen wir aber nicht. Dann standen wir in einem verlassenen Dorf mitten in der Steinwüste. Der Wüstenwind ratterte an den Fensterläden, keine Menschenseele war zu sehen. Die Asphaltstraße verlief sich in den Bergen und flimmerte in der Hitze geheimnisvoll in eine unbekannte Ferne. Kein Fahrzeug kam hier vorbei. Der Bus würde erst in Stunden kommen, konnte Shilali herausfinden. Wir ließen uns im Schatten eines Hauses nieder und starrten auf die Straße. Irgendwann mußte hier doch mal was vorbeikommen! Tatsächlich, es kamen ein paar Beduinen mit ihren Kamelen vorbei. Shilali sprach mit ihnen und bot uns an, mit ihnen durch die Wüste zurück bis Tafraoute zu reiten. Ein verlockendes Angebot, aber wir hatten keinen Sonnenschutz und ein paar Stunden in brennender Sonne hätte uns sicher einen Sonnenstich beschert. Wir lehnten dankend ab. So sassen wir also weiter stöhnend in der Hitze. Nach langer Zeit kamen wir dann doch eingepfercht in einem Fahrzeug weg. Shilali begleitete uns bis zum Hotel und betonte immer wieder, wie uneigennützig er gewesen sei. Das war aber nur ein Wink mit dem Zaunpfahl und so gaben wir ihm etwas für seine Dienste. Da Wandern in dieser heißen Gegend nicht möglich war, beschlossen wir nach Marakesch zu fahren und von dort den hohen Atlas in Angriff zu nehmen. Am nächsten Tag saßen wir mittags im Bus. Die Route war jetzt eine andere, so daß uns die anfängliche halsbrecherische Bergfahrt erspart blieb, auch wenn es zunächst wieder durch die Berge ging. Freitagnachmittag, Abiturienten aus Tafraoute bestiegen den Bus, kannten den Fahrer offenbar und stiegen am Feldrand wieder aus. Dann sauste der Bus durch die Landschaft. Einmal nahe einer interessanten Burg auf einem Hügel hielt der Bus an. Unsere Mitreisenden stiegen aus, breiteten jeweils einen Teppich oder Tuch auf dem Boden aus und begannen ihr Gebet gen Mekka zu verrichten. Danach ging die Reise weiter. Hinter den Bergen fuhr der Bus durch die große Wüstenebene, die sich von Agadir bis Marakesch erstreckt. Wir fuhren die Nacht durch und erreichten Marakesch gegen 3.30 Uhr morgens. Es war noch dunkel. Wir waren müde und wollten noch bis Sonnenaufgang warten. Im Dunkel war es zu schwierig, sich im Häuserlabyrint zu orientieren! Im Wartesaal des Busbahnhofs plärrte ein blecherner Lautsprecher so laute arabische Musik, daß wir ins Freie flohen. Im Garten saßen wir mit vielen anderen Reisenden auf den Bänken und hielten uns mit Kaffee wach. Als es hell wurde, machten wir uns auf den Weg. Am ersten Stadttor der riesigen Stadtmauer rund um die Altstadt, war die Orientierung nicht minder schwer. Nur die französische Bezeichnung des Stadttores half. Die Übersetzungen ließen sehr zu wünschen übrig und jeder Reiseführer hatte eine andere Bezeichnung parat. Wir ließen uns bald in einem Kaffee in der Altstadt nieder, um auszuruhen, die Schultern von der Rucksäcken zu entlasten und den Stadtplan zu studieren. Lange blieben wir sitzen und beobachteten nun das erwachende Leben in der Stadt und das Treiben auf den Straßen. Bepackte Autos, Eselskarren, Fahrräder und Fußgänger bildeten ein heilloses Durcheinander. Dann bummelten wir langsam durch die Gassen der Souks mit den winzigen Lädchen und Werkstätten. Auf halber Strasse kann man den Handwerkern beim Arbeiten zusehen. Am Hauptplatz von Marakesch, dem Djema el Fna quartierten wir uns in ein kleines bescheidenes Hotel direkt am Platz ein. Den Tag verbrachten wir mit Bummeln durch die Altstadt, den neuen Stadtteil von Marakesch und entlang der mächtigen Stadtmauer. Am Abend saßen wir in einem der vielen Terassenkaffees am Djema el Fna. Vom Terassenkaffee aus konnte man wunderbar den gesamten Platz, die Stadt und die Wüstenebene überschauen, bis zu den Bergen am Horizont. Eine kühle Brise wehte hier oben.. Marakesch liegt günstig umgeben von Bergen, nur der Hohe Atlas, der alles überragt, versteckte sich im Dunst. Wir ahnten gar nicht, wie nah er schon war! Während der kurzen Dämmerung wurde es auf dem ohnehin schon sehr belebten Platz immer voller und turbulenter. Schlangenbeschwörer, Märchenerzähler und Händler belebten den Platz den ganzen Tag. Nun aber bauten unzählige fliegende Garküchler ihre Stände auf und die ganze Stadt schien auf den Beinen zu sein. Um die Märchenerzähler bildeten sich Trauben von Einheimischen. Wir verstanden eh nichts, aber es schien, als gäbe es überhaupt kein Fernsehen, obwohl die Stadt mit Satellitenschüsseln übersäht war. Das bunte Treiben am Platz wurde von den Lichtern, der aus dem 12. Jahrhundert stammenden Koutubia-Moschee, überstrahlt. Jetzt gab es auch für uns kein Halten mehr. Wir begaben uns ins Gewühl der Garküchler und suchten uns ein schmackhaftes Abendbrot. Jeden Abend gibt es dieses Schauspiel und man muß es einfach mal erlebt haben. Das ist Marakesch, die wohl arabischste Stadt in Marokko und den arabischen Staaten! Hier lebt noch immer der Geist der alten Handelsstadt, in der die Karavanen, aus Timboukto kommend, nach wochenlangen Entbehrungen in der Wüste das Leben in vollen Zügen genossen. Die Reisen quer durch die Sahara waren gefährlich. Das letzte große Drama muß sich um die Jahrhundertwende abgespielt haben, als hunderte Kamele und Menschen in der Sahara verdursteten. 50 Tage bis Timboukto sollten es sein. Nach unseren Berechnungen wären das täglich ca. 40 km Fußmarsch durch die Wüste. Heute sind die Kamel-Karavanen durch Lastwagenkolonnen abgelöst, aber Marakesch hat sich den alten Geist bewahrt. Wir konnten bei den Garküchlern wählen zwischen Ständen der Suppenküche, Ständen mit Kuskus, Tajine, Lamm- oder Ziegenfleisch oder einfach nur Ständen mit leckerem Fisch. Es schmeckte einfach wunderbar. So waren wir noch bis spät unterwegs. Auch den nächsten Tag wollten wir noch einmal Marakesch erleben. Wir durchwanderten die Souks und den modernen Teil von Marakech, ausserhalb der dicken Stadtmauern. Schließlich kehrten wir in das Gewirr der Altstadtgassen zurück, in denen man sich schon mal verlaufen konnte. Am Abend waren wir wieder bei den Garküchen, dem Platz und den Terassencaffes. Am nächsten Morgen nahmen wir die Tour in den Hohen Atlas in Angriff. Wir hatten den Tipp bekommen, doch am einheimischen Bus-und Taxistand nach einer Fahrgelegenheit Ausschau zu halten und nicht am offiziellen Busbahnhof. Also marschierten wir mit unserem Gepäck durch die heiße Stadt und fanden schließlich etwas ausserhalb den genannten Platz. Taxifahrer bedrängten uns gleich zu Hauf. Wir feilschten um den Preis und schließlich ging es ziemlich preiswert ab. Wir hatten inzwischen herausgefunden, daß die Hälfte des genannten Preises so ziemlich real war. Das war für uns spottbillig. Aber für die Einheimischen immer noch viel Geld. Unser Taxi fuhr jedoch nicht mit uns allein ab. Zunächst wurde darauf gewartet, das Taxi bis auf den letzten Platz vollzubekommen. Der letzte Platz bedeutet aber manchmal schon den Schoß eines Mitfahrers! Eine Frau verabschiedete sich von ihrer Tochter (und steckte ihr dabei etwas Geld zu), ein weiterer Mitfahrer hatte Sorgen mit seinem Gepäck. Alle wurden jedoch in das Taxi gezwängt, einem Mercedes aus den Sechziger Jahren und mit fünf Mann Besatzung zuzüglich Fahrer ging es dann Richtung Berge. Mich wunderte, daß Niemand daran Anstoß nahm, daß die Frauen im Taxi so halb auf den fremden Männern saßen oder umgekehrt. Aber auf diese Wiedersprüche traf ich dann später noch oft und musste feststellen, dass dies eben einfach so war und lediglich mich wunderte. Das spielte einfach in diesem Moment keine Rolle. Hauptsache man kam vom Fleck. Wir fuhren jetzt durch enge Schluchten und Serpentinen bis hinauf nach Asni. Hier endete unsre Reise vorläufig. Einen offiziellen Bus hinauf in die Berge gab es nicht. Die Asphaltstrasse verlief durch diesen Ort, aber nach Süden und nicht in die Berge. Also machten wir ersteinmal Mittagspause bei einem Garküchler. Die Berge waren weitläufig und majestätisch um uns versammelt. Es war ein grünes und schönes Tal. Der Garküchler gab uns einen Tipp für die Weiterfahrt. „Da hinten fährt ein Minibus gegen 14 Uhr ab, Richtung Imlil“. Also genug Zeit für uns, ein Mahl einzunehmen und die Situation in Augenschein zu nehmen. Gegen 14.00 Uhr waren wir zur Stelle. Ein kleiner „Transporter“ war das Gefährt, das uns in die Berge bringen sollte. Eine Menge Leute rauften sich bereits um die Plätze, aber mittlerweile hatten wir gelernt, daß es immer irgendwie ging. Unsere Rucksäcke wurden auf das Dach gehievt und dann ging es los. „Unten“ im Gefährt saß ich eingezwängt zwischen Marokkanern, Männern und Frauen durcheinander auf gegenüberligenden Holzbänken. Wir wurden so durchgerüttelt, dass ich machmal auf dem Schoß des einen, manchmal auf dem Schoß des anderen Marokkaners landete und wurde jedesmal mit freundlichem Lächeln von Frauen und Männern belohnt. Die Straße war nur eine einzige Schotterpiste und die Furten tief und ausgefahren. Manchmal hatte ich das Gefühl, der Kleinbus würde umkippen und in eine Schlucht stürzen, so wüst ging es zu. Um uns herum erhoben sich steile Felsen und tiefe Schluchten. In einem kleinen Dorf lud man noch Soldaten auf, die offenbar nach Hause wollten. Da kein Platz mehr da war, wurden sie auf das Autodach verbannt. Gut dachte ich, dann können sie wenigstens auf unser Gepäck aufpassen! Tatsächlich lugte ich ängstlich bei jeder Kurve aus dem Fenster und sah unsere Rucksäcke wahlweise rechts oder lings am Fenster vorbeifliegen und in die Schlucht stürzen. Komischerweise geschah nichts dergleichen. Es ging durch Fuhrten und ausgespülte Wasserläufe bis hinauf nach Imlil. Jetzt waren wir schon in 1800m Höhe. Imlil ist ein winziger Ort in den Bergen, dessen Häuser sich im Kern dicht zusammendrängen, weiter draußen aber auf den Hängen verlieren. Angekommen, schauten wir uns ersteinmal die Hütte des französischen Alpenvereins an. Die war geräumig angelegt und mit allem Notwendigen (Küche, Kocher, Aufenthaltsraum usw.) ausgestattet. Da jedoch keine „Bergfreaks“ da waren, kam es uns doch sehr verlassen vor. So quartierten wir uns etwas weiter im Ort in ein kleines gemütliches Hotel ein. Die Zimmer waren sauber und ordentlich, die sanitären Anlagen aber gemeinschaftlich. Dafür wurden wir aber sehr individuell umsorgt. „Unser“ Hotelbesitzer hatte einige Jahre für den DAV(Deutscher Alpenverein)-Summit-Club in München gearbeitet und war selbst in München gewesen. Dort war er als Expeditionsleiter ausgebildet worden. Er sprach deutsch, was die Kommunikation sehr erleichterte. Leider hatte ein tragischer Unfall ihm ein Bein gekostet und er trug ein Holzbein. Seit dem war er, in seine Heimat zurückgekehrt, ein „Unternehmer“ mit diesem Hotel. Aber sein Elan, sein Optimismus und die Freude an den Bergen waren ungebrochen und an jeder Stelle spürbar. Es gab keine Karten in Imlil zu kaufen, aber im Hotel jede Menge eingerahmter Karten, dessen Studium unser „Hotelchef“ fleißig unterstützte. Am Abend ließ er einen Küchenjungen aus dem Dorf kommen, der für uns das Essen frisch zubereitete. Es schmeckte wirklich wunderbar. Wir waren bestens umsorgt und hatten gar nicht so viel erwartet. Später am Abend stand ich mit Werner auf dem Balkon unseres Hotelzimmers und traute meinen Augen nicht. Es war schon dunkel, „unser „Hotelchef“, mit dem Holzbein, spielte auf dem Dorfplatz direkt unter dem Balkon mit der Dorfjugend Fußball. Er spielte dabei so geschickt als Stürmer, daß die gegnerische Mannschaft zahlreiche Tore einstecken mußte. Nie habe ich Jemanden mit einem Holzbein so schnell und geschickt rennen sehen. Die Jugend des Dorfes hatte hier einen ernstzunehmenden Gegner bzw. guten Mitspieler. Ein WM-Spiel am Bildschirm wäre halb so spannend gewesen! Am anderen Morgen wurden wir mit einem schönen Frühstück, guten Ratschlägen und dem Studium der Karten verabschiedet. Mit unseren Rucksäcken auf dem Rücken machten wir uns auf zur Neltnerhütte des französischen Alpenvereins in 3200m Höhe. Die Hütte wurde vom französischen Alpenverein wohl schon zu Besatzungszeiten errichtet und wird weiter von ihm unterhalten, sonst gäbe es überhaupt keine Hütte in den Bergen. Es ging immer bergan, vorbei an den kleinen Steinhütten, Feldern, Obsthainen, Schluchten und winzigen Trampelpfaden hinauf in die hohen Berge. An kleinen Bachläufen wuschen Frauen die Wäsche und die kleinen Kinder kamen neugierig auf uns zugelaufen. Irgendwo dazwischen wurden wir nach Medikamenten gefragt und gaben den dankbaren Menschen ein paar Aspirintabletten! Dann ging es für Stunden immer bergan. Die Baumgrenze hatten wir schon bald verlassen. Obwohl der Hohe Atlas direkt an die Sahara grenzt, ist es dort oben, bedingt durch die Höhe, bereits angenehm kühl. Auch im Hochsommer bleiben die Schneefelder liegen. Allerdings reichen sie nicht aus, um Gletscher, wie in den Alpen zu bilden. Dafür sorgt die angrenzende Sahara. Am späten Mittag erreichten wir ein winziges Dörfchen, Sidi Schamharoud, dessen kleine Steinhäuser sich kaum vom umliegenden Fels unterschieden. Bei einem alten Mann tranken wir Tee und er freute sich über die paar Dirham, die wir ihm dafür gaben. Ein paar Ziegen und Schafe sahen wir in der Nähe der Felsen herumklettern. Weiden gab es hier nicht mehr, aber irgendein Dornengestrüpp fanden diese Tiere immer. Weiter ging es hinauf Richtung Neltnerhütte. Ein paar Mulikaravanen kamen an uns vorbei, schwerbepackt mit Bauhölzern. Es glich fast an ein Wunder, wie diese Tiere auf den steilen, schmalen, steinigen Pfaden so sicher mit den sperrigen schweren Hölzern laufen konnten, ohne abzustürzen. Die Treiber hatten ihre Mühe, den Tieren immer wieder die richtigen Anweisungen zu geben. Manchmal blieben die Mulis auch einfach stehen, um uns anzuschauen. Ob sie von uns Hilfe erwarteten oder einfach nur von ihrer schweren Last befreit werden wollten? Sie schleppten so geduldig die schwersten Lasten auf den unmöglichsten Pfaden! Wir wußten noch nicht, daß die alte Neltnerhütte ausgebaut wurde und deshalb diese Bauholztransporte stattfanden. Am Abend erreichten wir endlich die Hütte. Der Weg war schon lang geworden. Wir hatten jetzt immerhin 1400m Höhe überwunden. Die Hütte war winzig klein und so suchten wir uns ein gutes Plätzchen zum Zelten in der Nähe des Baches. Am Abend begaben wir uns in die Hütte. Noch stand die alte Neltnerhütte, aber die Bauarbeiten waren schon im vollen Gange. Die „noch alte“ Hütte bestand aus einem großen Raum, in dem sich alles abspielte. An einer Wandseite befand sich „die Küche“, Gaskocher, Abwaschgelegenheit usw. An der anderen Seite standen die Betten der einheimischen Bergführer und des einheimischen Hüttenwarts, die von den Leuten auch als Sitzgelegenheit genutzt wurden. In der Mitte des Raumes stand ein riesiger Holztisch mit langen Bänken, an denen am Abend alles Platz nahm. Über diesem einzigen Raum war eine Holzdecke zwischen Raum und Dachgiebel eingezogen, die als Matratzen-Schlafraum für ca. 20 Leute diente. Da diese 20 Plätze grundsätzlich von Gruppen ausgebucht waren und diese auch noch Verpflegung bekamen, waren der marokkanische Hüttenwart und seine Bergführer stets dabei, Gemüse zu schälen, Wasser zu kochen und bis in den Abend als „Mädchen für alles“ zu dienen. „Wir anderen“ Trekker schauten zu und mußten uns ersteinmal mit Cola oder Tee begnügen. Auf den Betten sitzend, beobachteten wir das Treiben in der „Räuberhütte“ Es ging dabei sehr vergnügt und lustig zu, mit viel Gelächter und Spaß bei den Marokkanern. Erst als die Gruppe ihr Abendbrot eingenommen hatte und sich dann verkrümelte, kamen „wir anderen“ zum Zuge. Draußen zu sitzen war jetzt bei der Kälte schon unmöglich. Einige hatten, wie wir, ihre Zelte dabei, andere übernachteten in dem großen Planenzelt, daß wegen der Überfüllung der Hütte draußen aufgestellt worden war. So saßen jetzt alle Bergfreaks aus allen Herren Ländern um den großen Tisch herum und die Sprachen ergaben ein kunterbuntes Stimmengewirr. Zum Schluß kreisten die Gespräche dann doch mehr oder weniger, meist nun englisch, um die Ersteigung des 4167m hohen Djebel Toubkal. Es gibt in dieser Gegend des Hohen Atlas keine Infrastruktur, keine Karten, keine markierten Wege und so ist die Neltnerhütte Treffpunkt aller Abenteurer, quasi als Knoten- und Stützpunkt. Als wir zu später Stunde unser Zelt aufsuchten, war es bereits bitter kalt. Eingemummelt in die Daunenschlafsäcke (immerhin in einem heißen Land) schlummerten wir von dannen. Gegen 4.00 Uhr morgens wurde ich wach. Es war schrecklich kalt. Ich zog mir einen Pullover über und verstaute meine Spiegelreflexkamera im Schlafsack an meinen Füßen. Ein paar Stunden später weckten uns die ersten Sonnenstrahlen. Der Gang zum nahen Gebirgsbach wurde zum Frostgang! Der schnelle Bachlauf hatte gefrorene Ränder, es mußten also in der Nacht mindestens minus 10-15 Grad gewesen sein! Immerhin befanden wir uns ja auch auf 3200m Höhe. Meine Kamera hatte trotz „Fußwärme“ den Geist aufgegeben. Nichts ging mehr. Ich wähnte sie schon kaputt, aber zum Glück kam sie dann nach Stunden aus ihrer „Froststarre“ wieder zurück. Der Morgen war ein wenig ernüchternd. Ich konnte in der Umgebung einiges an Müll entdecken, der hier am „Treffpunkt entsorgt“ wurde. Da müssen auch die Franzosen noch einiges leisten an Aufklärungsarbeit, „vorallem bei den Touristen und Trekkern“. Es gehört zu den wichtigsten Prinzipien aller Bergsteiger, keinen Müll mitzuschleppen und wenn ja, diesen auch wieder mitzunehmen. Wir verbrachten den Tag auf ein paar fast viertausender Bergen, um uns zu akklimatisieren. Als wir am späten Abend zur Neltnerhütte zurückkehrten, trauten wir unseren Augen nicht. Da saßen Jutta und Manne, und waren eben erst angekommen! Es gab ein jubelndes Wiedersehen. Natürlich hatten sie irgendwann bemerkt, daß sie nicht in Agadir gelandet waren... Sie hatten eine andere Route durchs Land genommen und viele interessante Orte gesehen. Anderes wiederum nicht, das wir gesehen hatten. So saßen wir da und erzählten von unseren Erlebnissen! Die nächste Nacht wurde wieder frostig. Die Bergfreaks, auch Jutta und Manne wollten um 6.00 Uhr zur Besteigung des Toubkal starten. Als wir uns am nächsten Morgen gegen 8.00 Uhr zur Hütte begaben, waren alle „Bergfreaks“ bereits unterwegs. Wir saßen in der Hütte und ließen uns vom marokkanischen Hüttenwart heißes Wasser für unseren Kaffee bereiten. Ich hatte mir ausgerechnet, daß wir bei unserem Start um 9.00 Uhr morgens gegen 13.00 Uhr den Gipfel erreichen müßten und der Abstieg bis ca. 17.00 oder 18.00 Uhr gut kalkuliert war. Also noch genügend Zeit, zurückzukehren, bevor es fast schlagartig dunkel wurde. Beim Eingießen fragte unser Hüttenwart: „Ob wir auch auf den Toubkal wollten...?“. Wir nickten, fast schüchtern und unsicher, weil wir noch hier rumsaßen! „Alle verrückt“ kommentierte der marokkanische Hüttenwart, mit der Kanne in der Hand, den zeitigen Aufbruch der anderen Trekker! So genossen wir es mal wieder, besonders umsorgt zu werden. Während des Kaffeetrinkens beäugte ich aus dem Fenster der Hütte den gigantischen Schotterhaufen, der den Aufstieg zum Toubkal markierte. Steil war er und würde uns eine Zeitlang in Anspruch nehmen! Eine viertel Stunde später waren wir mittendrin. Drei Schritt vorwärts und zwei Schritt zurück, war auf diesem steilen Hang und dem Schotter normal. Wir glitten immer wieder zurück, die Füße hatten kaum halt. Das war unglaublich kräftezehrend. Das unangenehmste Stück auf dem Weg zum Toubkal. Danach ging es besser! Ich hatte jedoch keine Ambition mehr, noch irgendein Foto zu schießen! Als wir gegen Mittag eine Höhenschwelle erreichten, kamen uns Jutta und Manne entgegen. Sie waren am Gipfel gewesen und befanden sich nun auf dem Rückweg. Manne kam uns förmlich über das Geröllfeld „entgegengeflogen“, als er uns vom Weiten erkannte! Sie wollten noch heute weiter nach Süden, aber wir würden uns spätestens am Zeltplatz in Agadir sehen, meinte er! Dann waren sie auch schon verschwunden. Während sie Richtung Tal sausten, kämpften wir uns weiter hinauf! Ca. 300m vor dem Gipfel gaben drei von vier deutschen Mädchen auf, die wir auf dem Weg zum Gipfel eingeholt hatten. Eine von ihnen wollte jedoch den Gipfel erreichen. Sie kämpfte sich vor uns und mit uns hinauf, und auch wir hatten mit der dünner werdenden Luft zu kämpfen, besonders auf den letzten hundert Metern. Dann war der Gipfel erreicht!!! Der Djebel Toubkal mit seinen 4167 Meternl! Es war 13.30 Uhr, also eine halbe Stunde später als kalkuliert. Wir genossen den Rundblick auf die Berge und die Sahara und konnten uns gar nicht sattsehen. So blieben wir eine Stunde am Gipfel! Der Abstieg ging erstaunlich schnell!. Selbst am Geröllfeld „fuhren“ wir förmlich bergab, so daß die Neltner-Hütte schon gegen 16.00 Uhr erreicht war... Jutta und Manne waren nicht mehr da! Eine weitere „kalte“ Nacht verbrachten wir im Zelt in der Nähe der Neltnerhütte. Dann nahmen wir Abschied vom Hohen Atlas. Ein langer Tag Abstieg nach Imlil folgte. Unser Hotelchef, mit dem Holzbein, begrüßte uns in Imlil sehr herzlich! Beim Abendbrot erfuhren wir noch sehr viel vom Leben im Hohen Atlas! Am nächsten Morgen nahmen wir Abschied von Imlil und fuhren zurück nach Marakesch. Wir hatten vor, aus den Bergen des Hohen Atlas in das Saharavorland zu reisen, um die interessanten Burgen, Wehrdörfer der Berber aus Lehm (Kasbahs genannt) zu besichtigen, die seit Jahrhunderten die Landschaften Marokkos prägen und in ihrer Einmaligkeit nur noch den Bauten im Jemen gleichen. Leider geht auch die traditionelle Lehmbauweise in Marokko mehr und mehr verloren, weil moderne Häuser aus Beton, Strom und Wasser liefern, und damit attraktiver sind als die alten Lehmbauten. Diese müssen ausserdem, bei extremen Niederschlägen (die selten, aber dann um so heftiger sind), immer wieder ausgebessert werden. Früher waren diese Wehrburgen und Wehrdörfer Schutzburgen gegen feindliche Stämme. Heute gibt es diese Bedrohungen nicht mehr, so daß die Wehrdörfer-Burgen ihre traditionelle Funktion verloren haben. Einige dieser Lehmdörfer-Wehrburgen der Berber gehören zum Weltkulturerbe der Menschheit, wie Aid-Benhaddou. Der Zerfall geht trotzdem weiter! Es fehlt vielerorts das Geld! Die „Straße“ der Kasbahs wurde als Touristenattraktion ins Leben gerufen und ist auch beeindruckend. Bleibt zu hoffen, das nicht irgendwann nur noch der Name bleibt! Unser Weg ging zunächst von Marakesch über einen der Atlaspässe Richtung Quarzazade. Wir fuhren gegen Abend mit dem Bus los. Nach einem kurzen Stopp in einem Dorf ging es immer in Serpentinen den Pass hinauf auf 2000m Höhe. Gegen Abend sah ich die Scheinwerfer der entgegenkommenden Autos weit oben über uns am Pass leuchten. Oh jeh, dachte ich, da müssen wir auch noch hinauf! Mal wieder so eine verrückte Gebirgsstraße! Aber wir fuhren nicht die ganze Nacht durch, sondern erreichten Quarzazade gegen 23.00 Uhr. Die Franzosen hatten hier mitten in der Wüste eine Garnison errichtet und als sie in den Sechziger Jahren Marokko verließen, war Quarzazade inzwischen zu einer ansehnlichen Stadt herangewachsen! In der Nähe des Busbahnhofs kehrten wir in ein kleines Restaurant ein und tranken frisch gepressten Orangensaft. Im Fernseher lief zu dieser Zeit gerade ein tschechischer Märchenfilm mit arabischen Untertiteln. Das war wirklich reizend. Familienprogramm um 23.00 Uhr! Aber hier in der Wüste erwacht das Leben erst nach Einbruch der Dämmerung, wenn die schreckliche Hitze des Tages abflaut. Dann ließen wir uns mit dem Taxi zum Zeltplatz fahren. Bald war der richtige Platz gefunden, das Zelt aufgebaut und wir schlummerten von dannen. Unser Zeltplatz war ein ummauerter Platz am Rande der Stadt, neben dem kleinen Zoo und einen Touristen-open-air-Restaurant. Jeden Abend konnten wir so unentgeltlich das marokkanische Folkloreprogramm genießen. Wir befanden uns jetzt auf der anderen Seite des Hohen Atlas, in der Sahara. Quarzazade liegt immer noch in 1500 m Höhe. Aber die Wüste war trotzdem gnadenlos zu spüren. Ohne den mächtigen Gebirgszug des Hohen Atlas wäre die Stadt nicht lebensfähig. Grosse Flüsse, wie der Draa, aus dem Atlas kommend, werden hier angestaut. Vom Zeltplatz aus konnten wir den mächtigen Stausee sehen. Eine Unmenge Wasser muß in der Hitze der Wüste von ca. 40°C täglich verdunsten! Trotzdem scheint es keine andere Alternative zu geben, um eine solche Stadt und die wachsende Bevölkerung in dieser Region gleichbleibend mit Wasser zu versorgen. Irgendwann, nach 100 km, versiegt der mächtige Draa in der Wüste. Bis dahin versorgt er aber viele angrenzende Dörfer und Orte, Palmenhaine und Felder mit Wasser. Wie Pfeilspitzen ragen diese Oasenbänder entlang der Flüsse in die Wüste, bis an ihrem Ende das Wasser versiegt und alles Leben erlischt. Der Zeltplatz wurde von einer Familie geleitet, die gleichzeitig am Zeltplatz wohnte. Uneingeschränkte Herrscherin des Zeltplatzes war Fatima, die Mutter! Sie war die Managerin des gesamten Familienunternehmens! Sie managte die Rezeption, kochte für den Zeltplatz und die Familie und war auch Reinigungskraft der sanitären Anlagen und des Platzes. Natürlich hatte sie damit die Hauptlast zu tragen. Unser Zelt stand geschützt an der Mauer. Am Abend trafen oft Franzosen mit ihren Wohnmobilen ein, die am nächsten Morgen schon wieder weiterreisten. So blieben wir die einzigen Dauergäste für Fatima, die sie neben der Familie bekochen und umsorgen konnte! Wir bedauerten allmählich die Wohnmobiler, die sich ihr Essen aus dem Supermarkt mitbrachten und dann wieder von dannen reisten. Fatimas Essen schmeckte wirklich wunderbar! Morgens bekamen wir ein herrliches Frühstück unter dem Beduinenzelt. Fatimas Mann kam wie zufällig vorbeigeschlendert und mußte unbedingt jeden Morgen wissen, ob es uns auch gut ginge und schmeckte! Ansonsten hielt sich seine Arbeitswut in Grenzen! Die buchstäblich arabische Gastlichkeit ist sehr liebenswert und wir mussten manchmal wirklich lachen. Fatima war die „Glugge“ des Zeltplatzes, einschließlich der Sorgen der anwesenden Touristen und ihres „fleißigen“ Mannes. Aber sie sah das keineswegs verbissen. Es schien sie anzuspornen! Als Werner unsere Ausgaben bezahlen wollte, stellte er fest, daß Fatima zwar alle Preise im Kopf hatte, aber weder rechnen, noch richtig schreiben konnte! Sie war Analphabetin! Ebenso ihr Mann! Werner mußte die Preise selber aufschreiben und zusammenrechnen und Fatima verließ sich darauf, daß es stimmte! Irgendwie mußten sie das Gefühl dafür entwickelt haben, was stimmte und was nicht! Schließlich mußten sie ja auch mit dem Geld irgendwie wirtschaften! Wir hatten uns inzwischen in Quarzazade umgesehen. Einen Abend verbrachten wir bei „Dimitru“, einem griechischen Restaurant inmitten der Stadt. Dimitru, ein Grieche, hatte dieses Restaurant gegründet und als Einziger eine Genehmigung für den Alkoholausschank vom örtlichen Scheich bekommen, der früher der „Monopolist“ in dieser Sache gewesen war. Das Restaurant „Dimitru“ galt inzwischen in der Stadt als eine Art Institution oder Geheimtipp. Das Essen war wirklich super und rein griechisch! Dafür konnten wir zum griechischen Essen einen sehr guten Wein genießen! In der Stadt gab es drei Supermärkte, die wir auch aufsuchten, weil sie Lizenzen zum Alkoholausschank besaßen! Werner wollte ein paar Bier kaufen, ich eine gute Flasche Wein. Heute besitzt der marokkanische Staat die Alkohollizenz, nicht mehr der örtliche Scheich! Lustig war dieser Einkauf schon! Der Verkauf fand an einem extra Stand im Supermarkt statt. Die Bierbüchsen, Bierflaschen oder Weinflaschen wurden fein säuberlich in marokkanisches Zeitungspapier gewickelt und dann in einer Plastetüte „versteckt“. Das Motto: Was Du zu Hause machst, ist Deine Sache! Man darf es nur nicht öffentlich zeigen! Am Abend lernten wir am Zeltplatz Mohammad kennen, der sich zu uns gesellte. Er stammte aus Marakesch. Es hatte ihn nur wegen der Arbeit hierher verschlagen und er wohnte während dieser Zeit am Zeltplatz in einem Bungalow. Er arbeitete beim Film, fuhr die riesigen Tracks mit all der Technik durch die Wüste und die Berge. Quarzazade sei „das Hollywood“ Arabiens, erzählte er uns. Wir sahen bei einem unserer Ausflüge die Studios von Quarzazade, die etwas ausserhalb der Stadt lagen. Ähnlich Babelsberg, Hollywood, konnte man sie besichtigen und auch ein Hotel gab es direkt innerhalb des Studiogeländes. Wir begnügten uns damit, die schönen Landschaften zu geniessen, die als natürliche Kulisse für den phänomenalen Aufstieg Quarzazades zur Filmstadt dienten. Eine Unmenge Filme wurden hier schon gedreht: „Lorenz von Arabien“, die „Biblenzyklen“, darunter „Soddom und Ghomorra“, aber auch neue Filme aus Hollywood, wie die „Mumie“. Und dann unzählige Filme zum Thema Ägypten (Pyramidenbau, Pharao usw.) Mohammad erzählte, daß er für ein italienisches Filmteam arbeitete, das gerade den Zyklus „Jesus“ verfilmte. Kulisse seien die wunderschönen Kashbas und Wehrdörfer rings um Quarzazade. Mohammad war ein bescheidener und stiller Besucher. Er kam manchmal erst spät in der Nacht nach Hause zum Zeltplatz. Dann suchte er uns und fand uns manchmal auf einer Bank vor dem Zelt unter einem wunderbaren Sternenhimmel sitzen. Wir freuten uns über seinen Besuch und wollten erfahren, wie der Drehtag gewesen war. Er erzählte vom Film und dem Fortgang der Dreharbeiten. Am Morgen besuchte er uns manchmal kurz beim Frühstück, bevor er wieder zur Arbeit musste. Wir freuten uns mehr und mehr über seine Besuche und brachten vorsichtshalber schon mal ein Bier für den Abend mit. Er fand uns immer irgendwo am Zeltplatz! Ich wollte wissen, ob das Bier ein Problem für ihn als Moslem sei. Aber Mohammad winkte ab. Er meinte, Bier sei für Moslems kein Alkohol! Da mußte ich still in mich hineinlächeln. Wie man es halt interpretiert! So saßen wir oft bis spät in die Nacht bei Bier oder Wein, lachten, quatschten und erzählten vom Lauf der Dinge. Am Wochenende kam Mohammad mit einem jungen marokkanischen Schauspielerkollegen zum Frühstück. Sie wollten wissen, wie es in Europa heute aussieht und was es Neues gibt. Wie man in Deutschland lebt usw.... Fragen über Fragen! Wie sollten wir die alle beantworten? Plötzlich gingen uns die Antworten aus, in der doch ungewohnten Sprache. Werner meinte, die Marokkaner fühlten sich eher in Europa zu Hause als in Afrika. Deshalb sind sie so begierig darauf, alles zu erfahren, was mit Europa zusammenhängt. Das konnten wir immer wieder feststellen. Apropos Sprachen! Die meisten Marokkaner sind Berber! Wir erfuhren, daß sie zu Hause noch immer die alten Berbersprachen als Muttersprache sprechen (von denen es vier verschiedene Hauptsprachen gibt, daneben viele ethnische „Neben-Berbersprachen“ der einzelnen Stämme!). Erst mit der Einschulung müssen die Kinder die arabische Sprache (als Amtssprache des heutigen arabischen Staates Marokko) erlernen und schreiben lernen. (Es gibt übrigens keine Schriftsprache der Berber!) Ab ca. dem zweitem Schuljahr wird dann schon französisch gelehrt, die Sprache der ehemaligen „Besatzer“, die jedoch als erste Fremdsprache eine große und wichtige Rolle spielt. Das gilt für die heutige Generation! Immerhin gibt es heute die Schulpflicht für die Grundschuljahre in Marokko. Fatima vom Zelzplatz hatte sicher nie die Gelegenheit, irgendetwas in dieser Richtung zu erlernen oder eine Schule zu besuchen! Wir besuchten die Kasbahs um Quarzazade und besichtigten die Grösste von ihnen, die einem Berberfürsten gehörte und heute Museum ist. Es war unwahrscheinlich schön, all die verwinkelten Gänge und Räume zu besichtigen, man konnte sich fast verlaufen. In den grossen Zimmern bewunderten wir die reich verzierten Holzdecken. Durch die offenen, aber vergitterten Fenster kam ein angenehmer Hauch der Kühle. Der Kamineffekt! Die Menschen wussten schon, wie sie hier in der Wüste mit dem Lehm angenehm bauen konnten. Eine Kasbah umfasst einen Innenhof mit vier Wohntürmen oder mehrere Innenhöfe, die von Wohntürmen umgeben sind. Unten befanden sich Vorratsräume und Ställe, oben die Wohnräume mit Fenstern. Auch so abgeschirmt und unerreichbar, dass es unmöglich war, eine Kasbah so ohne weiteres einzunehmen. In früheren Jahrhunderten boten die Kasbahs den besten Schutz vor den sich bekriegenden Stämmen. Einen Tag verbrachten wir in Aid Benhaddou, einem ganzen Kasbah-Dorf, das auch heute für unzählige Filme als Kulisse dient. Aid Benhaddou gehört zum Weltkulturerbe. Manche Bauten waren bewohnt, andere schon unbewohnt und verfielen. Wirklich schade! Wir hatten ein Taxi dorthin gemietet, den Preis ausgehandelt und unser Taxifahrer sollte uns am späten Nachmittag wieder abholen. Da wir nach der Besichtigung genügend Zeit hatten, ließen wir uns in einem der vielen Läden nieder. Interessant waren die großen versteinerten Ammonide, Fische und Reptilien, die hier zum Kauf angeboten wurden. „Das sei alles einmal Ozean gewesen und solche Funde gibt es hier überall in der Wüste“, erklärte der Geschäftsinhaber. Sein Laden glich einer wahren Fundgrube. Neben diesen „Souvenieren“ aus uralten Zeiten verkaufte er allerhand handwerkliche Dinge, Kleidung, Schmuck, Geschirr, Dolche usw. Ich begann mich für ein paar schöne alte Silberschmuckstücke zu interessieren... Es bleibt das Geheimnis des Händlers, den Geschmack des Kunden herauszufinden und etwas an den Mann, die Frau zu bringen. Nicht alles wird sofort präsentiert! Ich hatte nicht unbedingt vor, etwas zu kaufen und stöberte einfach nur so herum. Aber je wählerischer ich aufgrund meiner Nichtkaufhaltung wurde, um so eifriger holte unser Händler immer mehr Dinge hervor! Ungeahnte Kisten öffneten sich und kamen mit Schmuckstücken zum Vorschein. Ein Stück schöner als das andere. Ganz unbemerkt hatte er mich auf diese Weise so weit gebracht, vielleicht doch eines dieser schönen Stücke zu erwerben?? Aber jeder Preisnachfrage wich er geschickt aus! Ich hatte mittlerweile die Qual der Wahl und auch der Händler versuchte, meinen Geschmack herauszufinden. Nun spielen Verkaufsverhandlungen und das damit verbundene Feilschen im arabischen Raum eine ganz besondere Rolle! Es besitzt gesellschaftlichen Charakter! Kaufen, Feilschen, Verhandeln können sich über Stunden und Tage hinziehen und bedeuten Kommunikation, Informationsaustausch, Kennenlernen, Freundschaften und Beziehungen aufbauen, Sondieren und Positionieren. Wir hatten eine beträchliche Zeit im Laden verbracht. Da uns nichts drängelte, ließen wir uns vom Gang der Dinge überraschen. Die Araber lieben es, sich Zeit zu nehmen für Gespräche über Gott und die Welt und nebenher auch noch Geschäfte zu betreiben oder umgekehrt die lange Zeit zu nutzen, um doch noch ein Geschäft zu machen. Und so spielten mal wieder Gespräche über Europa und unser Leben ebenso eine Rolle, wie Gespräche über seine Familie, Familienangelegenheiten und das Leben überhaupt. Da der Händler den ganzen Tag über im Geschäft blieb, kam seine kleine Tochter am Mittag mit dem Mittagessen zu ihm. Selbstverständlich wurden wir zum Essen eingeladen. Viele Stunden hatten wir jetzt schon bei ihm verbracht, ohne daß es uns langweilig wurde. Mit viel Spaß wurden Werner und ich in einheimische Gewänder gesteckt, um zu sehen, wie uns das wohl stünde! Der Spaß war auf beiden Seiten! Da musste das Gewand und der Schmuck sorgfältig für mich ausgewählt werden. Werner musste mehrere Gewänder probieren, bis das Passende gefunden war. Und so waren wir gemeinschaftlich damit beschäftigt, anschließend fröhlich lachen zu können! Aber dann waren die Stunden doch dahingeflossen und wir mussten langsam eine Entscheidung treffen. Ich wollte ein paar silberne Ohrringe mitnehmen und begann die Preisverhandlung. Nach einigen Verhandlungen fanden wir den Preis recht günstig und o.k. Dann setzte überraschend Werner dem Ganzen den Clou auf! Ohne dass ich oder der Händler etwas geahnt hätten, orderte Werner auch noch eine silberne Kette dazu. Der Händler konnte jetzt vom genannten Silberpreis nicht mehr abgehen (es ging nach Gewicht)! Auf meine erstaunte Frage an Werner, was das bedeute, meinte er nur: "Das schenke ich Dir zum Geburtstag!" Und hatte den geschicktesten Zeitpunkt zum Kauf gefunden. Der Händler war froh über sein Geschäft und so trennten wir uns schließlich in freundschaftlicher Atmosphäre. Wir zogen mit unseren "Schätzen" los! Der Taxifahrer erwartete uns pünktlich für die Rückfahrt nach Quarzazate. Was der Taxifahrer auf der Rückfahrt nicht alles wissen wollte! Was wir gesehen hätten, was wir gekauft hätten (da kam er schliesslich auf den Punkt!). Er wollte auf diese Weise „Provision“ beim Händler einfordern. Das ist zwar in Marokko allgemein üblich, aber diesmal hatte er die Rechnung ohne den Wirt gemacht! Schliesslich waren wir bei „unserem“ Händler zufällig eingekehrt und hatten dort interessante Stunden verlebt, ohne sein Zutun oder Vermittlung! Also stellten wir uns dumm! Schauspielern war nun angesagt. Einen Turban hätten wir als Souvenier erstanden, war alles, was wir „zugaben“! Zur Demonstration holte ich das stahlblaue Stück Stoff der Tuareg heraus und fummelte unsinnig damit herum. (Der Händler hatte mir zwar gezeigt, wie man fachmännisch einen Turban wickelt, aber nun fummelte ich demonstrativ unsinnig damit herum!) Das schien dem Taxifahrer nun wirklich der Gipfel der „Dummheitt“ der Touristen zu sein.! Jedenfalls stellte er keine Fragen mehr! Im Gegenteil, allmählich wurde er ganz beflissen, den „dummen“ Touristen für ihr Taxigeld noch die ein oder andere Kasbah extra zu zeigen! Wir nahmen’s gelassen, liessen uns kutschieren und genossen es, dass er sich in seine Begeisterung, uns seine schöne Heimat zu zeigen, hineinsteigerte. Auf diese Weise gelangten wir mit vielen Eindrücken und Neuigkeiten zu später Stunde wieder am Busbahnhof in Quarzazade an. Wir wollten nun Quarzazade verlassen und die legendäre Todra-Schlucht kennenlernen. Dass wir mindestens einen Tag zur Todra-Schlucht benötigen würden, wussten wir. Also beschlossen wir, den grössten Teil unserer Ausrüstung am Zeltplatz in Quarzazade zu belassen und nur mit „leichtem Gepäck“ (Schlafsack, persönliche Dinge) dahin zu reisen. Fatima und ihr Mann vom Zelzplatz wurden in unser Vorhaben eingeweiht, und sie versprachen, auf unser Zelt und die Sachen aufzupassen! Am nächten Tag fuhren wir mit wenig Gepäck in einem altem Klapperbus der staatlichen Buslinie durch die Wüste in Richtung Todra-Schlucht. Vorerst endete aber unsere Klapperbustour in Tinerhir. Wie wir zur Todraschlucht weiterkamen, wussten wir noch nicht. Also quartierten wir uns in einem kleinen einfachen Hotel am Ort ein. Am nächsten Tag versuchten wir Richtung Todra-Schlucht zu trampen. Aber die Asphaltstrasse war fast ausschlisslich heiss und verlassen! Irgendwann begannen wir aus Frust zu laufen, um wenigstens vom Fleck zu kommen. In einem Dorf boten uns Mädchen an, das arabische Bad Hamman zu geniessen. Aber wir hatten keinen Sinn dafür! Das würde uns nur für Stunden aufhalten. Ausserdem hätten sicher auch alle Frauen über meine staubigen und stinkenden Füsse gelacht! (Fussmarsch!) Und Dolmetscher Werner wäre auch nicht zur Stelle. Und überhaupt, sollte man ein solches Bad Hamman nicht genießen? Irgendwann nahm uns dann jemand mit. Uns bot sich ein gigantischer Anblick. Mitten unter den gewaltigen Felsen der Schlucht waren am Eingang zwei Hotels erbaut worden. Es sah aus, als wollten die Felsen die Hotels erdrücken. Mächtige Wände stiegen rechts und links ca. 500m in den Himmel auf. Der Eingang zur Schlucht war nur ca. 20m breit. Ein munteres Flüsschen ergoss sich Richtung Tal, dessen Quelle direkt aus dem Felsen am Hotel hervorsprudelte. Wir quartierten uns in einem der Hotels in der Schlucht ein. Einige Touristengruppen waren da, besonders viele französische Kletterer, die in der Schlucht ihren Kletterurlaub verbrachten. Wir konnten ihre Künste beobachten. Ich hätte es auch mal gern versucht, da wir zu Hause klettern, aber wir hatten kein Seil und Ausrüstung dabei. Für Marokkaner sind die Kletterer verrückte Leute, weil sie ihre Energie nicht auf dem Feld, sondern für etwas „Unnützes“ verbrauchen. Dennoch schauen auch sie sehr interessiert und fasziniert zu. So wie man in Deutschland Fussball guckt, ohne selbst zu spielen! Am Abend assen wir im Hotel Tajine unter dem Beduinenzelt, aber es war die teuerste und schlechteste Tajine, die ich in ganz Marokko gegessen habe. Bei jedem Garküchler bekommt man eine Tajine für einen Bruchteil des Geldes mit zehnmal mehr Geschmack! Am nächsten Tag unternahmen wir eine Ganztagswanderung durch die Schlucht. Das kleine Flüsschen wurde oberhalb der Quelle zu einem Bächlein, dessen Wasser aus dem Atlas kam. Die Sahara versprühte ihren Charme mit sengender Hitze. Eine Schlange flüchtete erschrocken und zischend vor unseren Tritten davon. Zwischen grossen Felsbrocken bildeten sich immer wieder klare Tümpel aus dem Bächlein, in denen ich kleine Fische entdecken konnte. Wie zäh die Natur doch ist! Jetzt war es erst Mai, spätestens im Juni/Juli würde es gar kein Wasser mehr geben! Wahrscheinlich liegen dann die Eier der Fische im Wüstensand und im nächsten Frühjahr zur Schneeschmelze im Hohen Atlas, wenn frisches Wasser strömt, schlüpfen die jungen Fische der nächsten Generation. Nach einer weiteren Nacht im Hotel fuhren wir zurück nach Tinerhir. Jetzt konnten wir sehen, wovon Tinerhir lebte. Von dem kleinen Flüsschen aus der Todraschlucht, der Quelle am Hotel! Rechts und links des Flüsschens, zogen sich die Felder und Palmenhaine entlang. Die Häuser standen ausserhalb der „kostbaren Erde“, am Hang in der Wüste. Ein Spaziergang durch diese grüne Oase war wunderschön. Quakende und hüpfende Frösche und Kröten in den Bachläufen und Bewässerungskanälen zeigten uns, dass hier die Natur noch intakt war. Keine Pestizide, Insekten- und Unkrautvernichtungsmittel auf den Feldern hatten hier die Natur, am Rande der Sahara, zerstört. Die Frösche und Kröten sorgten für die Insektenvertilgung und mach ein Storch aus unseren Gefilden mag sich auf seiner langen Reise durch Afrika hier gütlich tun und Kraft für die Reise tanken. Am Abend sassen wir im Restaurant Kasbah, am Fusse der mächtigen Kasbahruine, in dessen Gemäuern einmal ein grosser Berberfürst geherrscht hatte. Da wir so gut wie die einzigen Gäste waren, blieb ein Kontakt mit unseren Gastgebern nicht aus. Man hat in Marokko kaum Probleme, nicht in Kontakt mit der Bevölkerung zu treten. In den grossen Städten wie Marrakesch oder Touristenzentren wird man freilich oft „belästigt“ von Händlern oder allerlei Leuten, die ihre Dienste anbieten. Draussen im Land sind die Begegnungen ganz natürlich und unverfälscht. Die Menschen haben keine Berührungsängste und zeigen ihre Neugier einfach und ganz offen! Wo kommt ihr her, wo wollt ihr hin? Gefällt es euch? Da gibt es ein paar Tipps für Euch! Was gibt es Neues? Macht es doch so oder so! Das ist vielleicht viel besser! So nehmen die Menschen Anteil an allem und Hilfe ist jederzeit vorhanden. Unser junger, fast schmächtiger Kasbahkellner, ein Junge zwischen 17 und 18 Jahren, wirkte in seinem dunklen Anzug, der kleinen Brille und seinem verschmitzten, klugen Aussehen fast wie der Zauberlehrling „Harry Potter“. Tatsächlich war er ein kluges Kerlchen. Während er kellnerte und uns bediente, freundete er sich sogleich auf sehr nette Art mit uns an. Er versuchte ein paar Deutschkenntnisse anzuwenden. Wir beantworteten nicht nur seine fast unauffälligen Fragen, sondern fragten ebenso neugierig zurück. Es dauerte gar nicht allzu lange und wir sassen zusammen im Gespräch. „Harry Potter“ schleppte begeistert ein einfaches Büchlein an, eine Art Wörterbuch, aus dem er Sprachen lernte. Wir staunten nicht schlecht. Die Seiten waren in fünf Spalten aufgeteilt. Die erste Spalte enthielt Wörter und Redewendungen auf Arabisch, die Zweite das entsprechende Wort oder Redewendung auf Französich, die Dritte auf Deutsch, die Vierte auf Englisch, die Fünfte auf Spanisch. „Harry“ hatte ein paar Aussprachefehler gemacht bzw. die Sprachen verwirbelt. Jetzt kamen uns unsere Englischkenntnisse, Werners Französischkenntnisse und meine wenigen Spanischkenntnisse zugute. Anhand des Buches nahmen wir jetzt die "Sprachspalten" auseinander und „Harry“ war begeistert. Diente das Buch ihm doch als alleinige Hilfe, die Sprachen zu erlernen. Wir konnten aber feststellen, dass es eine Menge Übersetzungsfehler von einer zur anderen Sprache gab. So wurde es ein spannender, fröhlicher und unterhaltsamer Abend. „Harry“ vergass trotzdem seine Pflichten als Kellner nicht und war aufmerksam bei der Sache. Der Gastwirt wurde schliesslich neugierig und gesellte sich später ebenfalls zu uns und so wurde es ein sehr interessanter Abend. Unser "Harry Potter" würde wohl nicht ewig Kellner sein, das war uns klar. Der Gastwirt nahm regen Anteil an der Wissbegier seines Schützling und so wussten wir, dass Harry seinen Weg gehen wird. Als wir schliesslich das Lokal verliessen, mussten wir versprechen, am Morgen zum Frühstück wieder zu kommen, was uns nicht schwer fiel. Am Morgen genossen wir das Frühstück im Kasbahrestaurant und die Unterhaltungen, die uns fast bis Mittag aufhielten. Schliesslich wurde es Zeit. Wir wollten noch an diesem Tag zurückkehren nach Quarzazade. Bald rumpelten wir durch die Wüste zurück nach Quarzazade und trafen am frühen Abend ein. Unser Zelt stand noch an der Mauer, sah aber irgendwie komisch aus. Beim näheren Betrachten sahen wir, dass die Zeltleinen mit dem nebenstehenden Baum verknotet waren und auch sonst irgendwie, irgendwo festgemacht worden waren, nur nicht am Boden und den Zeltheringen. Alles sah ein bisschen wirr und seltsam aus. Der Blick ins Zelt brachte keine negative Überraschung, es war alles noch da. Doch wie!? Die Schlafmatten und aller Inhalt des Zeltes waren von einer braunen Staubschicht überzogen, die so fein war, das selbst die geringste Berührung eine Wolke in die Luft setzte. Was war bloss geschehen? Ratlos standen wir vor unserem Zelt, als Fatimas Mann kam und uns aufklärte. In den Tagen, die wir fortgewesen waren, war ein mächtiger Sandsturm über Quarzazade hinweggefegt. Trotz schützender Mauer drohte unser Zelt davonzuwirbeln, weshalb er alle verfügbaren Abspannleinen an sicheren Gegenständen in der Nähe verteute. Das Zelt war zu, Sand konnte nicht eindringen, aber der superfeine Staub, der mit dem Sturm alles durchdringt, hatte sich auch in unserem Zelt breitgemacht! Wir dankten Fatimas Mann für seinen Einsatz und die Information, hatten jedoch jetzt eine Unmenge Arbeit noch vor uns. Jetzt hiess es, kühlen Kopf bewahren und anpacken. Zunächst mussten wir das gesamte Zelt leerräumen. Alles zu den Waschanlagen schleppen und abspülen oder reinigen. Zuletzt musste das Zelt gründlich vom Staub befreit werden, bevor wir es wieder „einrichten“ und benutzen konnten. Kein Wunder, dass die Tuareg in der Wüste mit ihrem dicken Turban das gesamte Gesicht, bis auf die Augen, bedecken und schützen. Nur die Kamele sind völlig an dieses Wüstenleben angepasst, können ihre Nüstern schliessen und auch die Augen sind speziell an Sand und feinen Staub angepasst. Wir hatten gemischte Gefühle. Einerseits wäre es wohl interessant gewesen ein solches Naturschauspiel zu erleben, wenn sich die Sonne verdunkelt und alles im Staub und Sturm versinkt. Andererseits zeigten uns die Auswirkungen, dass es nun nicht gerade ein Zuckerschlecken und Vergnügen sein musste, so etwas zu erleben. Und so wurde es spät, ehe wir endlich schlafen konnten und alle Arbeiten erledigt waren! Am Morgen begrüsste uns ein alter Bekannter beim Frühstück, Mohammad! Er hatte Zeit an diesem Morgen und so sassen wir lange beim Frühstück und erzählten. Schliesslich mussten wir unsere Sachen packen, denn am zeitigen Nachmittag ging unser Bus zurück nach Marakesch. Während wir beim Packen waren, wurde Mohammad telefonisch zur Arbeit gerufen. So hatten wir leider keine Zeit mehr, uns in Ruhe zu verabschieden. Wir tauschten die Adressen und versprachen Mohammad, ein paar Fotos zu schicken. Mit dem Taxi kamen wir pünktlich am Busbahnhof an und die Reise ging zurück nach Marakesch. Nach kurzem Aufenthalt ging es am nächsten Tag zurück nach Agadir. Wir kehrten wieder am Zeltplatz in Agadir ein, wohl auch hoffend, Jutta und Manne zu treffen und Neuigkeiten auszutauschen. Es war der letzte Abend in Marokko und Jutta und Manne waren nicht am Zeltplatz. Ihr Flugzeug sollte eine Stunde vor unserem Flug gehen. Also die beste Gelegenheit, uns gegenseitig am Morgen zu wecken und am Abend noch zusammenzusitzen. Aber sie waren nicht am Zeltplatz! Wir bauten unser Zelt auf und rechneten gar nicht mehr mit Jutta und Manne und dann tauchten sie doch noch unverhofft auf. Nun erzählten wir freudig ein paar Stunden von unseren Erlebnissen. Jutta und Manne hatten sich in einem kleinen Hotel in Agadir einquartiert. Wir beschlossen den Zeltplatz zu verlassen und mit in das Hotel zu kommen, da wir am nächsten Morgen sehr früh los mussten. Das Wecken am Zeltplatz würde vielleicht ein Problem werden und ausserdem konnten wir so zusammen das Taxi vom Hotel zum Flugplatz nehmen. Am Abend sassen wir dann bei Wein und Knabbergebäck im Hotel zusammen und erzählten noch bis in die Nacht. Es ist unangenehm, am zeitigen Morgen abzufliegen. Unser Taxi zum Flugplatz war für halb sieben bestellt, aber ich schlief die Nacht unruhig, aus Angst, eventuell zu verschlafen. So war ich um halb sechs bereits putzmunter und verliess gegen sechs Uhr das Hotel, um mir irgendwo einen Frühstückskaffee zu besorgen. Und siehe da, da sass Manne in einer Cafeteria gegenüber dem Hotel und frühstückte. Auch er hatte nicht mehr schlafen können und die Cafeteria eröffnete gerade um sechs Uhr. Ich war froh, nicht allein frühstücken und irgendwo herumsitzen zu müssen. Nach dem Frühstück weckten wir Jutta und Werner, packten unsere Sachen und fuhren halb sieben mit dem Taxi zum Flughafen. Jutta und Manne verabschiedeten wir eine Stunde vor unserem Start. Vom Warteraum aus sahen wir ihre Maschine gen Berlin davonfliegen. Beide wollten uns später nocheinmal in Dresden besuchen, aber wir waren zu diesem Zeitpunkt nicht da. Es klappte nicht! Einmal schickten sie uns zu Silvester eine Flasche Champagner! Zwei interessante Menschen, die ebenso abenteuerlustig sind wie wir. Vielleicht trifft es sich eines Tages, dass wir uns in irgendeinem Land zufällig wiederbegegnen! Man weiss ja nie! |
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© Heidrun Saar |
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